Zu Hause fühlen (21.10-28.11)

Nach über einem Monat einen neuen Blogbeitrag zu verfassen ist schwieriger als ich dachte. In diesem Monat ist so viel passiert und ich habe so viel Neues erfahren, das kann man unmöglich zusammenfassen.

Inzwischen fühle ich mich super wohl und bin so froh ein ganzes Jahr hier sein zu können. Das liegt zum einen daran, dass ich schon jetzt so tolle Menschen hier kennengelernt habe und daran, dass es noch so viel zu sehen und erleben gibt. Als meine Mitfreiwilligen und ich am Sonntag von einem 4-Tages Trip zurückgekommen sind, hat es sich schon angefühlt wie nach Hause kommen.

Unter der Woche nimmt mein Projekt sehr viel Zeit in Anspruch, so dass ich meistens nach der Schule nicht mehr viel mache. Ca. 2 Mal in der Woche gehe ich mit 2-3 anderen Freiwilligen zum Yoga in einen Nachbarort. Dort nutze ich die Zeit, um mich von Klasse 4b zu erholen, die mich mit ihrem Verhalten in den Unterrichtsstunden mehr als zum Verzweifeln bringt.

Wenn Klasse 4b doch nur so wie Klasse 5a wäre…

Die restliche Woche verbringe ich damit, die Kinder aus dem One Love Children’s Home zu beschäftigen. Ich gehe frisches Obst kaufen, lese, schlafe und bin gerne neben oder auf dem Fußballplatz. Die meisten Nachmittage und Abende aber unterhalte ich mich oder unternehme etwas mit meinen hier gefundenen Freunden.

Das ist mein liebster Lehrerkollege, mit dem ich abends immer viel zu lange aufbleibe. Den verlorenen Schlaf holen wir uns in den Schulpausen zurück…

Hin und wieder kochen wir regionales Essen, weil wir mal wieder keine Lust auf den schleimigen, säuerlichen Banku-Klops mit noch schleimigerer Okro-Soße haben. Oder gehen abends in eine „Bar“ um übertragene Fußballspiele anzugucken. Dort versammelt sich das halbe Dorf, sitzt dicht an dicht auf ca. 9 Meter langen Bänken, die so eng wie möglich hintereinander aufgestellt wurden. Hier darf man sich nicht wundern, wenn es zu Stadiongesängen kommt, sich Leute durch den ganzen Raum anschreien, um ihr Team zu verteidigen oder auch mal Fans von 6 verschiedenen Teams kommen, weil im selben Raum 3 verschiedene Spiele übertragen werden.

Wer würde bei Banku nicht gerne zugreifen…?
Yam mit Vegetable-Stew sieht doch schon viel appetitlicher aus!

Das Wochenende beginnt für mich eigentlich schon Freitags nach „Aerobic“, dem morgendlichen Frühsport, an dem die ganze Schule teilnehmen muss. Da wir Freitags keine Stunden unterrichten müssen und eigentlich nur Aufgaben korrigieren oder die nächsten Stunden vorplanen müssen, spielen wir die restliche Zeit mit den anderen Lehrern Karten.

Anstrengender Abschluss meiner Schulwoche: In praller Sonne „Aerobic“
(Ganz hinten hüpfe ich irgendwo rum)

Ein Morgen meines Wochenendes ist leider immer schon fürs Wäsche waschen reserviert: Nach 2,5 Stunden einseifen, schrubben und auswringen sind meine Hände wund und rot. Das restliche Wochenende wird jede Woche neu gestaltet.

Am liebsten fahre ich zum Strand. Mal mit meinen Mitfreiwilligen zum Surfen, mit dem ganzen Team der Organisation für ein Picknick oder mit Freunden, die ich hier kennengelernt habe.

Die erste Surfstunde
Hungrige Blicke nach der 5- Stündigen Vorbereitung für das Picknick
Ja, das ist Ghana und nicht die Dominikanischen Republik

Ansonsten rennen wir orientierungslos auf Märkten in Kaneshi, Accra etc. herum, um zum Beispiel Stoffe für typisch Ghanaische Kleidung zu bekommen, welche wir uns dann hier im Dorf schneidern lassen können. Das ist immer wieder ein Erlebnis, denn man wird von allen Seiten gerufen, angefasst und manchmal sogar gehalten und zu den Ständen gezogen. Währenddessen muss man aufpassen, nicht von den anderen Leuten umgerannt zu werden oder mit Holz oder Schalen gefüllt mit 10 Melonen oder ganzen Möbeln zusammen zu stoßen, die von Leuten auf dem Kopf über den ganzen Markt transportiert werden. Nach so einem Marktbesuch wird es manchmal schwierig die eigentliche Farbe seines T-shirt’s herauszufinden.

Überall gibt es Stände mit frischem Obst

Die letzten zwei Wochenenden waren wir jeweils einen Tag bzw. Abend bei einer Hochzeit. Eine Hochzeit geht 3-6 Tage, die Braut zieht sich jeden Tag ca. 8 Mal um und erscheint jede Stunde einmal, um ein neues Outfit zu präsentieren und verschwindet danach wieder. Je nach Länge der Hochzeit, Anzahl der verschiedenen Kleider und Qualität der Stoffe kann man den Wohlstand des Paares erkennen. Der Bräutigam selber taucht nicht auf. Die Gäste sitzen draußen in einem oder zwei Stuhlkreisen, es wird laute Musik gespielt, zu der manchmal ein paar Leute tanzen.

Outfitpräsentation Nr.1
Die Braut wird während der Outfitpräsentation mit Geld abgeworfen.

Das Essen von Ziegenleber bei der zweiten Hochzeitsfeier wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Gezwungenermaßen habe ich eins der Fleischstücke genommen, die mir angeboten wurden, da es unhöflich ist, Essen abzulehnen. Mein Magen hat sich umgedreht, als ich kurz danach aufgeklärt wurde, dass ich gleich von Innereien abbeißen darf. Jeder meiner kleinen Bissen wurde von den Gastgebern kritisch in Augenschein genommen. Erst nach 45 Minuten ergab sich die Gelegenheit, die übrige Hälfte in den Busch zu schmeißen.

Am letzten Wochenende haben wir einen Trip zu 2 anderen Freiwilligen nach Ho gemacht. Zu 8 haben wir 3 Nächte Matratze an Matratze in einem kleinen Raum geschlafen und obwohl es kein fließendes Wasser gab und wir nicht wussten, wo wir welches herbekommen, war unsere Sorge größer, dass einer von uns in der Nacht erstickt. (Wir haben alle überlebt.) In den zwei Tagen haben wir uns die Stadt angeguckt, waren auf der 2. Hochzeit, haben ein Wild Life Resort besucht, in dem wir leider keine Tiere (Spinnen und Raupen zählen nicht) gesehen haben, weil wir zur falschen Zeit des Jahres da waren und hatten eine schöne Aussicht auf die Stadt Ho bei Nacht von einem Hotel auf einem Berg aus.

Bei diesem Wasserloch sollen sich in der Trockenzeit unter anderem Affen und Antilopen tummeln.

Insgesamt ist dieser Blogeintrag so etwas wie ein Überblick über ein paar Aktivitäten geworden und der Versuch, ein paar Eindrücke aus meinem momentanen Leben zu vermitteln. Es sind keine atemberaubenden Erlebnisse, über die ich hier berichtet habe, aber das meiste, was ich von hier mitnehmen werde, werden Inhalte aus Gesprächen mit den Leuten sein, ihre Denkweisen und Schicksale und Eindrücke, die man nicht in Worten oder Bildern festhalten kann. Ich denke, dass das was die meisten Leute, die diesen Blog lesen, interessiert und was man auf den Bildern gut erkennen kann, ist, dass ich mich trotz der Unterschiede zu Deutschland super wohl und aufgenommen fühle und zur Zeit nirgends lieber wäre.

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