Die ersten Wochen im Projekt (16.09-21.10)

Vorab:

Seit knapp einem Monat arbeite ich in meinem Projekt, der Günther Frey International School, und gebe Deutschunterricht in verschiedenen Klassen. Mein Arbeitstag beginnt um 6:45Uhr und endet um 15:30Uhr. Inzwischen geben mein Projektpartner und ich in 5 verschiedenen Klassen je 2 Stunden Deutsch in der Woche. Dabei ist eine Schulstunde ca 1h 20 Minuten lang, wobei die Dauer eigentlich immer unterschiedlich ist.

Mittagspause

Die chaotischen ersten Wochen:

Die erste Zeit war frustrierend und hart für mich. Völlig planlos sind mein Projektpartner Alex und ich also am 16.09 in unser Projekt gekommen und diese Ungewissheit sollte auch erstmal so bleiben. Niemand hat sich für uns verantwortlich gefühlt und so hat schon die Schulführung, die am Ende ganze 2 Minuten gedauert hat, ein paar Tage auf sich warten lassen. Mit den Worten „teach them“ wurden wir in der ersten Woche dreimal unvorbereitet in Klassen gesteckt. In Deutschland wäre das für mich nicht so wild gewesen, aber in einem fremden Land mit anderem Schulsystem, Notensystem und anderer Lehrweise kann das problematisch werden, wenn man bisher noch über nichts aufgeklärt wurde. Dazu kam, dass ich von der Größe und Art der Klassen völlig überwältigt wurde:

Klasse 5: 60 Kinder, kaum Platz um durch die nicht mehr vorhandenen Reihen zu gehen.

Klasse 6: Muss sich einen länglichen Klassenraum mit einer anderen Klasse teilen. Selbst wenn die eigene Klasse leise ist, ist es für die hinterste Reihe unmöglich den Lehrer zu hören, weil die Klasse im Rücken zu laut ist.

Unterrichten im doppelten Klassenraum

Endlich Aufklärung:

Nach viel zu langer Wartezeit haben wir nach ca. 1,5 Wochen unseren vorläufigen Stundenplan bekommen. Von damals noch 4 Wochenstunden, hat sich die Zahl bis jetzt von Woche zu Woche erhöht. Mit 10 Wochenstunden und Vor- und Nachbereitung jeder Stunde bin ich jetzt erstmal ausgelastet. Wir unterrichten im Moment die Chaosklassen 4a, 4b, die inzwischen aufgeteilten Klassen 5a und 5b & Klasse 6, in deren Klassenraum eine Wand in Arbeit ist.

Durch Nachfragen, Beobachten und „sich selbst Erschließen“ komme ich immer besser in der Schule klar. Ich stelle mich bei Meetings schon auf 2 Stunden Wartezeit bis zum Start ein und bin nicht mehr pünktlich zu Stundenbeginn in der Klasse, weil die Stunde sowieso verzögert angeläutet wird. Rekord sind bis jetzt 45Minuten Verspätung . Mit der Zeit habe ich herausgefunden, dass nicht nur wir in den ersten Wochen verwirrt waren, sondern auch die offiziellen Lehrer.

Dadurch, dass

  • es erst eine Woche nach den Ferien war,
  • viele Lehrkräfte ohne Abmeldung verschwunden sind und deswegen nur die Hälfte der Klassen unterrichtet werden konnte,
  • es ein neues Curriculum gab, in welches die Lehrer erst eingeführt werden mussten und
  • sich in den ersten Wochen noch viele Schüler anmelden und es so noch keine festgelegte Klassen gibt

hat in der Schule noch viel Chaos geherrscht, von dem wir zuerst dachten, dass es normal sei.

Das Marschieren nach der Assembly in die jeweiligen Klassenräume

Unterrichten in Ghana ist schwieriger als ich es mir vorgestellt habe. Bilder von afrikanischen Kindern, die still und gehorsam den Unterricht verfolgen, weil sie froh sind zur Schule gehen zu können, sind von nun an aus meinem Kopf gestrichen. Obwohl seit diesem Jahr das Schlagen von Kindern in Ghana offiziell verboten ist, ist es für viele Lehrer noch eine Methode, die Kinder zum Schweigen zu bekommen und zur Aufmerksamkeit zu zwingen. Umso schwieriger wird es, ohne einen Schlagstock Respekt zu erlangen. Mit der Drohung vor der ganzen Klasse geschlagen zu werden („I cane you“) oder vor der ganzen Schule bei morgendlichen Assemblies Knien zu müssen, werden die Schüler eingeschüchtert und zur Mitarbeit im Unterricht gezwungen. Viele Lehrer benutzen den Stock jedoch nur als Drohung und verwenden ihn nur selten. Auch wenn ich den Stock niemals anfassen würde, kann ich die Lehrer verstehen, die ihn benutzen. Viele Schüler beteiligen sich nur so viel mit, wie notwendig ist, um Strafen zu umgehen, sind oft aufmüpfig und dreist. Es ist schwer, ein System, das seinen Fokus auf Bestrafung gelegt hat, von einem Tag auf den anderen in ein System, das auf Belohnung beruht, zu ändern. Aber ich beobachte, dass viele Lehrer sich bemühen, ihre Art zu unterrichten zu verändern. Wir versuchen es in unserem Unterricht mit Stickern, Liedern und Spielen zur Belohnung, was teilweise gut funktioniert, aber noch nicht von jedem Kind begriffen wurde.

Beim Korrigieren

Ich werde in dem Jahr, denke ich, immer wieder während der Unterrichtsstunden wütend und verzweifelt sein, wenn die Kinder mal wieder nicht auf mich hören und meine Stimme vom Schreien immer leiser wird…, und dann kommen aber diese schönen Momente, in denen plötzlich alle Schüler still sind und konzentriert arbeiten, weil sie einen Sticker in ihr Heft oder ein + hinter ihren Namen in meiner Liste bekommen wollen. Oder alle voller Eifer bei Vokabelspielen mitspielen und nach dem Sieg ihres Teams kaum noch zu bändigen sind vor Freude. Man eine Stecknadel fallen hören würde, weil sie einem aufmerksam und gespannt lauschen, während man ein Lied vorsingt, und vor Aufregung aufspringen, wenn sie endlich mitsingen dürfen. Oder dann sind da plötzlich Kinder, die sich nach der Stunde für den Unterricht bedanken und sich darum streiten, wer die eingesammelten Hefte oder meinen Rucksack ins Lehrerzimmer tragen darf. Das sind dann die Situationen, für die sich alle Mühen lohnen.

Mitarbeiten im Unterricht gibt bei uns Plus-Punkte, doch das haben noch nicht alle verstanden

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